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Der Bildstabilisator

Es war Nacht, ich stand auf der Krefelder Rheinbrücke und wollte die Bayerwerke auf der anderen Rheinseite als Panorama aufnehmen. Meine D60 stand auf einem soliden Stativ und ich überlies der Kamera die Wahl von Zeit und Blende. Ich hatte lediglich zur Vermeidung des Rauschens die Empfindlichkeit der Kamera auf ISO100 eingestellt. Das Auslösen des Verschlusses bewerkstelligte ich mit einem Fernauslöser. Der Verschluss öffnet sich mehrere Sekunden und ich bemerkte, wie das Objektiv leise knisternde Geräusche von sich gab die ich nicht zuordnen konnte.

Zu Hause stellte ich dann fest, dass nahezu alle Fotos von diesem Abend unscharf waren. Zuerst dachte ich, dass die D60 oder das Objektiv defekt waren und probierte beides nochmals am gleichen Abend auf dem Balkon aus. Da die Geräusche nicht von der Kamera herrührten, schaltete ich den Bildstabilisator am Objektiv aus und siehe da, die Geräusche waren weg und alle Aufnahmen waren scharf. Für mich war nun klar, dass man bei Langzeitbelichtungen - bzw. Stativauf-nahmen - den Bildstabilisator ausschalten sollte. Ich habe nach diesem Phänomen mit dem Bildstabilisator gegoogelt und festgestellt, dass viele andere Fotografen dieses Problem festgestellt haben. Das der eingeschaltete Bildstabilisator bei Langzeitaufnahmen mit Stativ zu Problemen mit der Schärfe führt hat offensichtlich zwei Gründe.

  1. Man verwendet ein Stativ hauptsächlich bei Aufnahmen in der Dämmerung oder nachts und somit bei Belichtungszeiten, bei denen ein Bildstabilisator nicht mehr sinnvoll eingesetzt werden kann. Die Grundlage der Bildstabilisierung sind Gyro-Sensoren, die die Beschleuni-gung der Kamera um die horizontale und vertikale Achse erkennen und die Dreh-geschwindigkeit um diese Achsen ermitteln. Da die Sensoren nicht perfekt kalibriert sind, kann es sein, dass sie sehr langsame Bewegungen einfach nicht erkennen. Andererseits melden die Sensoren auch bei einer ruhenden Kamera meist noch minimale Bewegungen, die der Stabi dann zu kompensieren versucht. Bei Belichtungszeiten bis zu 1/8" - bei denen ein Bildstabilisator perfekt funktioniert - spielen solch extrem langsamen Bewegungen keine zu berücksichtigende Rolle. Auch wenn eine solch langsame Bewegung nicht korrigiert wird oder eine vermeintliche Bewegung falsch korrigiert wird, führt das noch nicht zu einer sichtbaren Unschärfe. Bei Langzeitbelichtungen ist dieser Effekt aber nicht zu übersehen. Mit der Verwendung eines Stativs hat diese Unschärfe also nichts zu tun, denn bei einer Langzeitbelichtung aus der Hand tritt der Effekt ebenfalls auf.

  2. Auch der zweite Grund hat damit zu tun, dass die Bildstabilisatoren in den Kameras oder Objektiven nicht perfekt sind. Das Korrigieren der Verwacklung erfolgt immer mit einer gewissen Verzögerung. Da der Stabilisator nicht erkennen kann, in welche Richtung das Zittern des Fotografen die Kamera als nächstes bewegt, muss er warten, bis er die Störung messen kann - dann gibt es aber schon eine Störung, d.h. die Kamera hat sich schon ein wenig bewegt. Der Stabilisator muss also mit einberechnen, wie sich die Kamera während der Messphase voraussichtlich weiterbewegt haben wird. Die Extrapolation aus der gemessenen Bewegung der Gyro-Sensoren in die Zukunft wird meistens stimmen, aber hin und wieder wird der Bildstabilisator mit seiner Vorhersage auch einfach danebenliegen. Und dann vergrößert die vorgenommene Korrektur noch die Bewegungsunschärfe. Da die Messung des Bildstabilisators aber weit öfter richtig als falsch ist, verbessert er insgesamt die Schärfe der Bilder. Wenn man die Kamera aber nun auf ein Stativ montiert, gibt es gezwungener maßen keine erfolgreichen Korrekturen mehr. Da die Kamera ja bereits in Ruhe ist, bleiben nur noch die Fehlkorrekturen und der Autofocus spielt verrückt. Also, bei langen Verschlusszeiten - respektive Stativbenutzung - immer den Stabilisator ausschalten.



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